Film „Los Veganeros“: Denn sie wissen nicht, was sie tun

Via Zeitungsannonce sucht Alma vegan lebende Menschen aus Hannover mit Sendungsbewusstsein. Gemeinsam planen sie einen Coup, ein sichtbares politisches Statement. Bis es eskaliert – und zwar gründlich. 

Filme sind Kommunikation. Wir als Zuschauer liefern uns ihnen für 90, 120 oder mehr Minuten aus mit einer bestimmten Hoffnung. Sei es, dass wir unterhalten werden wollen, informiert oder berührt. Der Spagat aus allen drei Facetten gelingt den wenigsten Filmen – „Los Veganeros“ scheitert daran mit Pauken, Trompeten und einem vollständigen Orchester.

Darum geht’s

Vicky (Rosalie Wolff, bekannt aus „Verbotene Liebe“), 28 Jahre alt und engagierte Kindergärtnerin, möchte ihren Kindern etwas vermitteln: Wie geht es den Tieren in den Ställen, die wir tagtäglich essen? Klingt super, wäre da nicht ihr ewiger Widersacher, Fleischmarktführer und Vater eines ihrer Kita-Kinder Heinz Granitzka.

Kurz darauf lernt Vicky die 94-jährige Alma über eine Presseanzeige kennen. Die Altaktivistin gewährt Vicky Mitgliedschaft in ihrem exklusiven Veggie-Geheimbund. Ob Lehrer, Emanze, Crazy guy oder der Typ von Nebenan, die Vielfalt bei den „Los Veganeros“ ist groß. Gemeinsam wollen sie die Bürger ihrer Stadt über die Realität der Fleischproduktion aufklären und dazu animieren, sich vegan zu ernähren. Nach einigen kleineren Happenings versuchen sie, die lokale Dönerbuden-Industrie dazu zu bewegen, auf Fleisch zu verzichten. Die Idee: Die Imbissbetreiber lassen sich schmieren und bekommen so die Umsatzeinbußen ausgeglichen.

Diese sowieso schon moralisch zweifelhafte Aktion geht den Radikalos jedoch nicht weit genug. Fleischmann Heinz Granitzka soll entführt werden – und am Besten gleich noch eine Nacht im eigenem Schweinepferch übernachten. Man muss von Glück reden, dass das Kupieren des Schwanzes dann doch als „unmenschlich“ abgelehnt wird – Betäubungsspritzen und das Liegen in den eigenen Exkrementen scheinen als Racheakt zu genügen.

Dumm nur, dass der angehende Bürgermeisterkandidat schwerer Diabetiker ist und am zwangsverordneten Verzicht auf seine Medikamente fast krepiert. Die Sache fliegt in letzter Sekunde auf, Vicky landet im Gefängnis, Alma erleidet einen Herzinfarkt und stirbt. Am Ende haben sich aber doch alle erstaunlich lieb.

Die zusammen geschwurbelte Liebesgeschichte zwischen Vicky und Matt (Nils Brunkhorst, auch „Verbotene Liebe“) erwähne ich nur aus Gründen der Vollständigkeit. Ebenso die in einer Nebenrolle auftauchende Hendrikje Fitz als Vickys Mutter, die aus der MDR-Arztsoap „In aller Freundschaft“ manchen Lesern bekannt sein könnte.

Woher kommt der Hype um den Film?

„Los Veganeros“ läuft laut Film-Webseite dieses Frühjahr in 108 Städten in Deutschland und Österreich. Klar: Das Thema „Vegane Ernährung“ ist gerade in aller Munde (haha). Die Ankündigung des Films klingt vollmundig (hihi) und die junge, frische Schauspielerriege macht Appetit (okay, das war der letzte Wortwitz). Was man dann zu sehen bekommt, bildet jedoch Pelz auf der Zunge und bringt viel zu oft riesige Portionen Fremdschämen auf den Teller.

Die Story von Drehbuchautor und Regisseur Lars Oppermann überzeugt gleich aus mehreren Gründen nicht:

  • Es fehlt die Distanz: Die menschenverachtenden Taten der „Veganeros“ werden zwar am Ende von ihnen selbst angezweifelt, jedoch erst, als Granitzke fast stirbt. Es bleibt demnach der Beigeschmack, dass die Angst vor Strafe überwiegt statt der Einsicht eines wirklichen Verständnisses von Menschlichkeit. In meiner Wahrnehmung kam das einer Verherrlichung oder zumindest Verniedlichung der Öko-Terroristen um Alma und Vicky gleich.
  • Die Figuren sind platt: Die Schauspieler, die zwischen gutem bis laienhaften Niveau ihr Bestes geben, bekommen die Figuren nicht realistisch dargestellt. Allein die Erfahrenen Wolff und Brunkhorst schaffen es, die undefinierten Charaktere ein wenig zu beleben.
  • „Infotainment“ in Missionarsstellung: Die meisten Szenen dienen nur dazu, die x-te Schreckensmeldung zur Situation der Tiere unterzubringen. Besonders unangenehm war mir die Schulstunde des Lehrers Achim Sander (Ulas Kilic), bei der mit missionarischem Eifer einem Schüler der Hamburger madig gemacht wird. Um anschließend eine ganze Schulstunde lang der gesamten Klasse ein schlechtes Gewissen einzureden. (Regelmäßige Einblendungen inklusive.)
  • „Reingewurschtelte“ Liebesgeschichte: Um den ganzen Propaganda-Unsinn und die schlechten, höchstens unfreiwillig komischen Witze etwas verdaulicher zu machen, schien die Liebesgeschichte zwischen Vicky und Matt wohl die ideale Lösung. War sie nicht.

Filmqualität ausreichend

Dass der Film vermutlich mit Spiegelreflex-Kameras gedreht wurde, fällt vermutlich nicht jedem Zuschauer auf. Zu sehr haben wir unsere Sehgewohnheiten auch schon daran angepasst, dass die Tiefenschärfe irgendwie anders ausschaut als bei der klassischen Videokamera.

Was jedoch jedem Zuschauer auffallen und ihn anstrengen wird, sind die sehr oft misslungen Schärfefahrten. Es hat mich beim Zuschauenfast wahnsinnig gemacht, in vielen Szenen die Protagonisten nicht scharf erkennen zu können. Manchmal hat das Nachziehen der Schärfe bis zu einigen Sekunden gedauert. Das ist unprofessionell und zuschauerunfreundlich.

Der Ton konnte durchaus überzeugen, auch waren selten die Helligkeiten des Bildes zu gering oder zu hoch. Sehr seltsam mutete jedoch die Vorliebe der Kamera (Andreas Barthel) für ausgiebige Super-Nahaufnahmen an. Manche Dialoge fanden mit einem bloßen Ausschnitt der Augen statt oder halb sichtbaren Mündern. Die befreiende Totale oder wenigstens Halbnahe, um als Zuschauer mal wieder einen Überblick über das Geschehen zu bekommen, verwehrte das Bild zumeist. Ich fühlte mich, als würde ich den Figuren ständig auf der Nase sitzen – für mich mit Abstand zu viel Nähe.

Übrigens: Wenn Sie als Dozent an einer Medienhochschule demnächst mal wieder ein Beispiel für plakative Schleichwerbung suchen, kann ich Ihnen den Film nur empfehlen.

Sind alle Veggies so anstrengend besserwisserisch?

Nein. Aber der Film vermittelt einen ganz anderen Eindruck. Sehr einseitig werden Argumente gegen die aktuelle Situation des Fleisch-, Milch- und Ei-Konsums aufgeführt. In Wirklichkeit ist der Fleischkonsum in Deutschland aber seit zwei Jahren rückläufig. Bio- und vegane Läden und Kneipen gibt es mittlerweile sogar in der Provinz (zumindest in Chemnitz), an Volkshochschulen können Kochkurse für veganes Kochen belegt werden. Zahlreiche Prominente bekennen sich als „Veggies“, manch einer ist erst als veganer Koch bekannt geworden wie beispielsweise Atilla Hildmann. Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und zeigt bereits Auswirkungen. Nicht zuletzt ist die Initiative der Bundes- und Landeslandwirtschaftsministerien gegen das jährlich millionfache Töten männlicher Küken aus einer fleischfreien Debatte heraus entstanden.

Die „Veganeros“ stellen sich aber nun als Bastion des guten Gewissens und an manchen Stellen gar als die besseren Menschen dar. Das lässt tief blicken in das Selbstverständnis des Autors. Sympathisch macht sie das in keinem Fall, steht eine solche Attitüde doch nicht nur im Gegensatz zu einem menschenfreundlichen Weltbild, sondern auch entgegen der Idee einer Gleichberechtigung aller Lebewesen.

Am Ende des Films bleibt auch der Beigeschmack, dass man es laut Filmmachern nur mit radikalen und propagandistischen Methoden schaffen kann, die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Mein Ansatz ist das nicht und in den wenigen guten Momenten des Films blitzt kurz hervor, wie es eigentlich gehen könnte: Mit gutem vegetarischen oder veganen Essen, das allen schmeckt. Mit offenen und persönlichen Antworten, wenn man nach der eigenen Essenserfahrung gefragt wird. Und vor allem mit einem Vorbildcharakter, wenn es um den Umgang mit dem Thema Vegetarismus geht. Aber ganz gewiss nicht mit unangenehmen Sendungsbewusstsein.

Fazit

In meiner Wahrnehmung ist der Film unbeholfen inszeniert, unprofessionell produziert und in seinem Auftrag völlig am Ziel vorbei geflogen. Genauso wie sich die Gruppe um Alma, die der „Veggie Dramödie“ ihren Namen gibt, ziellos und mit radikalem Eifer drauflos verbricht, kommt auch der Streifen als großes Malheur daher. Niemand würde den Produktionsaufwand mit 160 Schauspielerin (die meisten davon Laien) bei nur 25.000 Euro Budget (zum Vergleich: Ein Tatort kostet ab 1 Millionen Euro aufwärts) unterschätzen oder die Leistung eines jungen Teams unterbewerten. Die gemachten Fehler und Unzulänglichkeiten weisen jedoch auf eine fehlende Reflexion über das Thema, das Medium Film selbst sowie seiner Zuschauer hin. Die schlimmsten Dinger wären erstaunlich einfach mit etwas Nachdenken zu vermeiden gewesen.

Die „Dramödie“ ist demnach dramatisch, weil sie weder einen überzeugten Fleischesser zum Umdenken bewegen, noch einen Kino-Liebhaber vom Werk überzeugen wird. Komisch ist sie nur dann, wenn sie es eigentlich gar nicht sein will. Mein Tipp: Finger weg von diesem Aufklärungsstreifen. Und lieber mal mit einem Vegetarier oder Veganer persönlich über seine Einstellung sprechen (bspw. mit mir via Twitter).

Bild: Szenenbild „Los Veganeros“. Quelle: Pressematerial.

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