Geschichten, die sonst niemand erfährt

Wie ringt man dem Alltäglichen etwas Neues ab? Wie findet man Geschichten im öffentlichen Leben? Lohnt es sich dafür auch andere Wege zu gehen? Eine Lösung ergab sich für mich zufällig im Alltagsgrau.

Grau passt farblich ganz gut, denn ich war in den Straßen von Chemnitz unterwegs. Ein leichter Nieselregen benetzte die Gehwege und die Menschen, die durch die Stadt schritten. Schon verwunderlich, dass durch ein bisschen Regen viele Menschen mürrische Gesichter aufsetzen. Irgendwie schien jeder in Bewegung. Jeder, bis auf den ärmlich gekleideter Bettler am Fußgängerweg. Meine Meinung ist ganz klar: Sie sind nicht schön für das Bild einer Stadt, aber in den größeren Städten nicht mehr wegzudenken. Ich kann mir einfach selbst nicht vorstellen, wie man in die Lage gerät, auf der Straße betteln zu müssen. Ich schreite also in einem größeren Bogen an ihm vorbei. Kniend mit einem Hut in der Hand blickt er die Passanten an, in der Hoffnung, dass jemand ein paar Münzen hinein werfe. Als ich ihn so hinter mir ließ – wie sollte es anders sein – fühlte ich mich prompt schlecht. An jemandem Bittenden vorbeizugehen und ihm nicht einmal Beachtung zu schenken, gehört nun wirklich nicht zu meiner christlichen Lebenseinstellung. Ich war schon sicher einige hundert Meter weiter gegangen sein, als ich plötzlich umdrehte. Ich wusste nicht warum, aber ich bin einfach zurückgegangen.

Das Gute im Menschen?

Gut, aber nicht dumm möchte ich sein. Wie ich aus Erfahrung weiß, geben Bettler ihre Spenden nur zu schnell für Alkohol wieder aus. Ich schaue mich also um und betrete die erste Bäckerei, die ich sehe. Mit einem belegten Brötchen hocke ich mich neben den ärmlich aussehenden Mann. Er sieht mich an und sein bittender Blick wandelt sich zu einem breiten Lächeln. Dann erzählte er mir von sich. Von seiner Frau in der Slowakei und über sein Leben hier. Er erzählte über die Mühen, in Deutschland Fuß fassen zu können. Ich weiß nicht, wie er heißt und womöglich werde ich es auch nie erfahren, aber diese Begegnung werde ich nicht vergessen.

Ergreife die Chance

An Bloggopolis und die damit verbundene Idee eines Ortes für einen Austausch habe ich in dem Moment sicher nicht gedacht. Vielmehr wollte ich mich auf einem Menschen einlassen, den sonst niemand beachtet; jemanden dessen Geschichte sonst niemand erfährt, da sonst niemand fragt. In der Situation kam vieles zusammen. Mein Verständnis, dem Nächsten zu helfen, sowie das Interesse, was einen Menschen bewegt, stundenlang im Regen auf dem Gehweg zu knien und auf die Großzügigkeit der Menschen zu hoffen. Ein belegtes Brötchen zu spendieren ist eine Großzügigkeit für einen Armen, für uns sind die paar Euro lediglich Peanuts.

Doch was will ich damit sagen? Spendiere ab sofort jedem Bettler ein belegtes Brötchen? Nein, das sicher nicht. Geh vielmehr raus und nutze Gelegenheiten, die sich Dir bieten. Mach Deinen Alltag zur Geschichte. Genau das versuchen wir mit Bloggopolis. Weg vom Allgemeinen, hin zum Privaten. Die wahren Geschichten findest Du da draußen – direkt vor deiner Tür. Und mich würde es wundern, wenn Du selbst keine Geschichte zum Erzählen hättest.

2 Gedanken zu „Geschichten, die sonst niemand erfährt

  1. Auch wenn mir die gute Intention hinter deinem Eintrag hier klar ist, möchte ich dir einige Kritikpunkte ans Herz legen.

    Ich finde, du drückst dich sehr wertend aus, wenn du vom „ärmlich gekleidete[m] Bettler“ sprichst, der „nicht schön für das Bild einer Stadt“ ist. Sicherlich willst du ein Bild erzeugen, um den Leser in die Situation eintauchen zu lassen, allerdings würdigst du den Menschen damit ziemlich herab. Und wenn du schon die (durchaus vom Großteil der Gesellschaft wohl als gerechtfertigt angesehene) Behauptung aufstellst, Obdachlose widersprechen einem ästhetischen Stadtbild, dann wäre hier auch die richtige Stelle, um der Frage nachzugehen, warum das so ist. Muss wirklich dieser Mensch verschwinden oder sollten wir nicht eher darüber nachdenken, warum dort jemand betteln geht und wie/ob man das überhaupt ändern sollte? Es gibt viele verschiedene Lebenswege und durchaus auch Menschen, die es frei wählen, auf der Straße zu leben. Auch die Unterstellung, jeder Obdachlose hätte ein Alkoholproblem, ist nicht abwegig aber stellt auch eine ziemliche Stereotypisierung dar. Es ist schön, dass du dich entschlossen hast, nicht die Augen vor anderen Menschen zu verschließen, aber deine Schilderung klingt so, als hätte diese Begegnung eben nicht auf Augenhöhe stattgefunden, wenn du von seinem „bittende[n] Blick“ sprichst. Ein Schritt wäre definitiv gewesen, die Person nach ihrem Namen zu fragen. Auch die These, dass sonst niemand diesen Mann sonst beachte, halte ich für gewagt. Dafür kennst du ihn augenscheinlich viel zu wenig.

    Ehrlich gesagt, kommt dieser Artikel bei mir so rüber, als ob es dir vielmehr darum geht, dich durch deine vermeintlich gute Tat aufzuwerten, anstatt ernsthaft etwas zu verändern oder eine tiefgründige Debatte über den Umgang mit Menschen von der Straße anzustoßen. Das finde ich bedenklich.

    1. Hallo Lotta,
      es ist schön zu sehen, dass sich jemand wie du mit Artikeln näher beschäftigt. Ich kann deine Kritikpunkte verstehen. Ja, statt zu schreiben: „Ein Bettler mit verschlissener Jacke und löchrigen Hosen..“ habe mit „ärmlich gekleidete[r] Bettler“ eine wertenderere Form benutzt, jedoch ist es keine Herabwürdigung. Es ist ein Fakt. Die Interpretation kann bei jedem anders sein; so kann ein Hartz 4 – Empänger sich herabgewürdigt fühlen, wenn er als dieser bezeichnet wird, obwohl es ebenfalls nur ein Fakt ist.
      Bezüglich des Bettelns an sich, ja man sollte dem nachgehen, warum Menschen ihr Lebe auf der Straße verbringen (müssen). Der Text hier geht aber bewusst nicht auf die Ursachen, sondern auf (wenn auch nur kurzfristige) Lösungen, wie ein spendiertes Brötchen, ein.
      Dass jeder Bettler ein Alkoholproblem hat, habe ich nie behauptet, sondern lediglich gesagt, dass ich von meinen bisherigen Erfahrungen gelernt habe, dass viele Bettler das spendierte Geld für Alkohol ausgeben. Das ist somit auch mein Grund, eine Sach- und keine Geldspende zu geben.
      Ich glaube der Text ist in der richtigen Augenhöhe geschrieben. Ja, es geht um meine Tat und es geht darum, dass sich mehr „von oben herabbeugen“ und auch Taten vollbringen. Das hat nichts mit dem Wert eines Menschen zu tun, sondern mit den Lebensverhältnissen eines jeden. Die tiefgründigste Debatte über Menschen auf der Straße wird jenen nicht helfen, daher ist die Aktion für mich auch wichtiger, als die Debatte.
      Diese ist aber, da geb ich dir recht, wichtig und wäre ein sinnvoller zweiter Schritt.

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