Warum wir nicht alle Samariter sein können

Ich las vor kurzem einen Artikel auf ze.tt. Es ging um eine Studentin, die ein Urlaubssemester einlegte, um ihre MS-kranke Mutter zu pflegen. Kurz zur Erläuterung: Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des Nervensystems. Dabei werden die Nervenbahnen über kurz oder lang beschädigt und übermitteln die Signale an den Körper nicht mehr fehlerfrei.

Meine Mutter hat auch Multiple Sklerose. Nur ich kann/will sie nicht pflegen. So bewundernswert, wie die Studentin auch ist, aber ich bin nicht in der Lage dazu. Ich habe mich zu weit von meiner Familie entfernt. Meine Freunde sind eher meine Familie. Macht mich das zu einem schlechten Menschen? Vielleicht. Meine Mutter hat meine Erziehung im wahrsten Sinne des Wortes „verpennt“. Ihre Lebensgeschichte hat sie tablettenabhängig gemacht. Meine Schwester wurde mit 16 weggeschickt und mein Vater durfte an meiner Entwicklung nicht teilnehmen.

Mit 15 ging ich für meine Ausbildung ins Internat. Dort blühte ich auf. Seitdem versuche ich die Dinge allein zu regeln. Meine Mutter nahm es mir übel, dass ich nach meiner Ausbildung auszog.

Jeder Besuch bei ihr ist eine Qual für mich. Ich weiß nicht, worüber ich mit ihr sprechen soll. Sie hat nur noch wenige Interessen. Ihr Tag verläuft seit etwa 25 Jahren so: „Haushalt“, Fernsehen, essen, schlafen. Vor etwa vier Jahren ist meine Mutter zwei Mal hingefallen und lag mehrere Stunden regungslos auf dem Boden. Die Feuerwehr musste „vorbeischauen“ und die Tür aufbrechen. Beim ersten Mal hatte sie es abgelehnt, ins Krankenhaus zu fahren. Daraufhin wurde mir von meiner Tante vorgeworfen, dass ich dafür verantwortlich sei. Wenigstens hatte meine Mutter zu diesem Zeitpunkt verstanden, dass sie in ein betreutes Wohnen müsste.

Wenn ich sehe, wie sie vor sich hin vegetiert, tut sie mir leid. Aber jeder Ansatz, ihre Lage zu verbessern, wird abgelehnt. Es frustriert mich. Viele sagen, ich müsste die Zeit mit ihr „genießen“, aber mir fällt nicht ein, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie ist nicht bereit, irgendetwas zu unternehmen. Ich empfinde mittlerweile nur noch Mitleid für sie. Nach den ganzen Streitereien habe ich eine mentale „Mauer“ errichtet und öffne mich nur noch selten.

Wenn sie anruft, fühle ich mich genervt. Ihre Anliegen empfinde ich als „Kram“ und es erinnert mich an ihre deprimierende Lage.

Die einzige, für mich sinnvolle, Lösung scheint darin zu liegen, die Situation und alles was im Entferntesten mit „Familie“ zu tun hat, zu ignorieren. Denn, es würde mich auf Dauer nur runter ziehen und ich könnte mich nicht mehr um mein Leben kümmern.

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